»Das eMTB brachte mich aus einer Krise zu einer Idee«

Stephan Goergl

Ich bin ehemaliger Skirennfahrer, meine stärksten Disziplinen waren der Riesenslalom und der Super-G. Als Sohn einer mehrfachen Olympia Medaillen Gewinnerin wurden mir die Ski quasi in die Wiege gelegt. Mit zwei Jahren stand ich das erste Mal auf Ski. Genau zwanzig Jahre später stand ich an der Startlinie im Weltcup. In Beaver Creek holte ich 2004 meinen ersten Weltcup-Sieg. Das war wie aus heiterem Himmel. Ein zweiter Weltcup-Sieg in Lenzerheide folgte. Im März 2005 wurde ich Österreichischer Staatsmeister im Riesenslalom. Es ging sportlich steil bergauf.

Dann kamen die Verletzungen

Im Dezember 2006 zog ich mir beim Training in Altenmarkt eine schwere Verletzung im rechten Knie zu. Den Rest des Winters musste ich pausieren. Die Saison 2009/10 war erneut von Verletzungen überschattet. Beim Nor-Am Cups in Aspen zog ich mir im Dezember 2009 einen Meniskusriss zu. Und nur drei Tage später erlitt ich im Weltcup-Riesenslalom von Beaver Creek einen Trümmerbruch der rechten Handwurzel. Damit waren meine Chancen für eine Qualifikation für die Olympischen Winterspiele 2010 dahin. Auch die Saison 2011/12 war für mich zu früh zu Ende: ein Bandscheibenvorfall zwang mich in den OP-Saal. Zu Beginn der Saison 2012/13 bestritt ich deshalb meine letzten drei Weltcuprennen.

Stephan Goergl

Blick zurück ohne Zorn

Am 12.12.12 gab ich nach 12 Weltcup-Saisonen meinen Rücktritt vom Skirennsport bekannt, ohne Bitterkeit. Im Gegenteil: ich bin sehr dankbar, erlebt zu haben, wie es sich anfühlt, einmal zu den besten der Welt zu gehören. Und meine Verletzungen betrachte ich nicht als Pech, sondern sie haben mich geprägt und stärker gemacht. Und sie haben mir meine Leistungen umso deutlicher vor Augen geführt: da ich 6 Saisonen verletzungsbedingt ausgefallen war, habe ich meine Siege und Podiumsplätze also unterm Strich in nur 6 Saisonen erreicht! Der Spitzensport war meine Schule des Lebens. Innere Stärke, Disziplin, Zielsetzung und Wille waren meine Unterrichtsfächer. Ich habe viel gelernt. Nun genoß ich das erste mal Schulfrei.

Die Entdeckung der Langsamkeit

Nach meiner aktiven Laufbahn wollte ich nur das tun, was mir wirklich Freude bereitet. Mit der gleichen Leidenschaft, wie ich meinen Sport ausgeübt habe. Ich stellte also die brettlharten Rennski in die Ecke, gründete eine One-Man-Skischule und genieße das Skifahren nun in allen seinen Facetten: von Skicamps mit Fahrtechnik bis hin zum Tourengehen mit Fellen. Das gibt eine neue Qualität im Leben. Wenn man seine eigene Schneespur in frisch gefallenen Neuschnee setzen kann, ist das ein unbeschreibliches Erlebnis. Mein Motto war früher: Höher! Schneller! Weiter! Nun lautet es: Pur. Intensiv. Mit allen Sinnen.

Foto: www.simonrainer.com

Eine folgenreiche Begegnung

Am ersten April 2015 knackste ich mir bei einer meiner Touren zwei Brustwirbel an. Das war das erste Mal, das ich mit meinem Schicksal haderte. Ich war doch extra aus dem Profizirkus ausgestiegen, um mich nicht mehr zu verletzen! Zur Erholung ging ich nach Bad Waltersdorf. Ich trug ein Korsett und wollte mich trotzdem sportlich bewegen. Das Hotel bot Leih-eBikes an. Meine Freundin nötigte mich aufzusteigen. Ich war skeptisch. Aber nach einer zweistündigen Tour war für mich klar: Das wird meine Sommeraktivität! Ich war so begeistert, dass ich diese Begeisterung teilen wollte. Ich rief umgehend meinen Fahrradhändler an, orderte einige eMTB und erweiterte mein Ski-Angebot im Winter um geführte eMTB Touren im Sommer.

Besinnung statt Bestzeit

Ich habe im eBike einen perfekten Coach gefunden. Über die Wahl der Motorunterstützung entscheide ich, wie intensiv ich trainieren möchte. Im Sommer halte ich damit Fitness für den Winter. Ich kenne kein gesünderes Trainingsgerät als das eBike. Ja, es ist ein Sportgerät. Aber nicht nur für den Körper, sondern auch für den Geist. Im Profisport ging es um Zehntelsekunden und um Siegerfotos. Jetzt geht es um Erlebnisse, die die Zeit vergessen lassen und auf keinem Foto festgehalten werden können. Um Ruhe, Weite und Herzklopfen. Das eBike ist perfekt dafür, denn es zentriert Dich wie kein anderes Sportgerät. Der Flow-Zustand ist so schnell erreichbar! Das fasziniert mich am eMTB.

Foto: www.simonrainer.com

Sensibilisierung für die Natur

Mit dem eMTB strömen natürlich auch immer mehr Menschen und Hobbysportler in die Berge. Ich habe etwas gegen den Massentourismus in den Bergen. Trotzdem begrüße ich diesen Trend, denn die Berge sind ein schier unbegrenztes Eldorado. Erstens gibt es noch genug Trails rund um Innsbruck und zweitens ist es eine Frage der Stoßzeiten. Ich limitiere meine Veranstaltungen und guide Gruppen mit höchstens 8 Personen möglichst nachhaltig und umweltschonend durch die Berge. Ich sensibilisiere die Menschen für die Berge und halte Fahrtechnik-Kurse.

Die Freude daran, Freude zu teilen

Mittlerweile habe ich den ersten E-Bike-Verein Tirols gegründet und organisiert Ausfahrten ins Karwendel. Mit Herz-Kreislauf-Patienten erkunde ich wöchentlich Innsbrucks Umgebung. 

Wirklich jeder hat ein breites Grinsen im Gesicht, wenn er zum Sonnenuntergang am Gipfel des Patscherkofel vom eMTB steigt. Dieses Licht, diese Farbenpracht, dieser Ausblick und dieses Glücksgefühl – ich nenne das den »Intense Effect«. Diese Freude in anderen Gesichtern zu sehen ist meine allergrößte Freude. Das zählt für mich inzwischen mehr als Medaillen.

Foto: www.simonrainer.com

 

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Das Gespräch mit Stephan Görgl führte Marc Burger.

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